Buchvorstellung zu „Wolfgang Hilbig : eine motivische Biografie“ von Karen Lohse
Juni 5, 2008, 5:31 pm
Filed under: Literaturgeschichte | Schlagwörter: ,

Am Montag, dem 2.6.2008 wurde im Haus des Buches in Leipzig der erste Todestag des Schriftstellers Wolfgang Hilbig begangen. Die Literaturwissenschaftlerin Karen Lohse stellte eine kenntnisreiche Biografie zum Leben und den Leitmotiven des Schreibens von Wolfgang Hilbig vor, die von einer eingehenden Beschäftigung mit dem Umfeld und den Motiven des Schriftstellers zeugt. Die Biografie enthält auch einige Abschnitte zu Hilbigs Zeit in Leipzig. Wolfgang Hilbig war in den Siebziger Jahren bereits oft zu Besuch in der Junghanßstr. 4 (Leutzsch), wo eine kleine Künstlertruppe um den Schriftsteller Gert Neumann und seine Frau Heidemarie Härtl wohnten. Im Jahr 1984, kurz vor seiner Ausreise, wohnte Hilbig dann selbst ganz in der Nähe, in der Spittastr. 19 (in Lindenau). „Er war dort auch in den folgenden jahren gelegentlich anzutreffen, über tage oder wochen, bei seiner damaligen freundin, der übersetzerin silvia morawietz. Habe die beiden zwischen 84 und 87 einige male besucht“ schrieb mir die mit Wolfgang Hilbig befreundete Autorin Jayne-Ann Igel …In der neu erschienenen Biografie befinden sich auch einige Fotos aus dem Jahr 1984, die Hilbig dort und in einer Kleingartenkneipe in Lindenau zeigen. In seinem Roman „Das Provisorium“ erinnert sich sein Protagonist „C.“. an die Spittastr. 19, damals schon aus der Perspektive des in die Bundesrepublik ausgereisten Heimkehrers. Hilbig verliess die DDR 1985 (allerdings nicht endgültig, er besass ein zeitweiliges Visum, kehrte regelmässig nach Leipzig zurück. Im Titel des Romans „Das Provisorium“ wird auf das Visum angespielt). In der Erzählung „Versuch über Katzen“, die in dem Erzählungsband „Die Arbeit an den Öfen“ erschienen ist, erinnert sich Wolfgang Hilbig an die gemeinsame Zeit in der Junghanßstr.4. In ihrer Biografie schildert Karen Lohse das Leben in dem Haus:

„Gert Neumann, der nach seiner Exmatrikulation das vom Literaturinstitut
bezahlte Zimmer verlor, schlug sein Domizil in einem der verfallenen
Altbauhäuser auf. In der Junghanßstraße 4 im Leipziger Stadtteil
Leutzsch gründete er zusammen mit seiner Frau Heidemarie Härtl, Faust,
Hilbig, den Malern Dietrich Gnüchtel und Michael Flade eine kleine Künstlerkommune.
Zeitweise quartierten sich auch die Lyriker Kristian Pech,
Odwin Quast und Andreas Reimann hier ein sowie der Schriftsteller und
Mathematiker Manfred May. Die Zeit und das Zusammenleben im oberen
Stockwerk des alten Hauses, in der noch bewohnbaren Hälfte der Dachetage,
die zur Straße hinausging, beschreibt Hilbig in der 1994 entstandenen Erzählung
»Versuch über Katzen«, die er der 1993 gestorbenen Heidemarie Härtl
widmete: während wir also ganz oben hausten, zwischen den schrägen Wänden
bautechnischer Absurditäten, die von einem noch absurder wirkenden
Kreuzgeflecht freiliegender Balken in fragwürdige Stabilität versetzt wurden,
in einem Labyrinth winziger Kammern mit winzigen Fenstern, aus denenman über den Rand des rotschwarzen Dachs hinab in eine enge verschlammte
Schlucht blickte, in die Junghanßstraße, die eine baumlose Industriestraße mit
langen Reihen von Gießereigebäuden war.
Das Labyrinthische des Hauses, seine fragwürdige Stabilität und ästhetische
Absurdität, spiegelt sich im Leben der Bewohner wider. Die untere
Etage und der Keller sind das Reich von Frau Müller und einer ungezählten
Schar Katzen. Längst ist die alte Frau nicht mehr die Legatin oderWahlmutter des Katzenvolkes. Die Katzen sind in ihre Wildheit, in ihr prädomestiziertes
Dasein zurückgekehrt und haben Frau Müller, die vergeblich
versuchte, sie zu zähmen, mit sich genommen: Ihr kleines runzliges Gesicht
hatte sich sehr bald den Katzengesichtern angeglichen oder sich vielmehr zu
einem solchen zurückgebildet; immer offenkundiger war in der kurzen Zeit,
in der wir sie kannten, die untere Hälfte ihres Kopfes zu einer kleinen nuscheligen
Katzenschnauze degeneriert. Menschliche Artikulationsformen hat
Frau Müller, die ihr Lebtag ausschließlich mit Katzen kommunizierte, verloren.
Sie ist zu einem Zwischenwesen mutiert: halb Katze, halb Mensch.
Die menschliche Sprache hat Frau Müller verloren, die Sprache der Katzen
bleibt ihr in letzter Konsequenz verschlossen. In endlosen nächtlichen
Suaden versucht sie, zu deren ungezügeltem Wesen durchzudringen. Vergeblich,
es bleibt ein »Versuch über Katzen«.
Dem absurden Geschehen in der unteren Etage steht das Leben der
kleinen Künstlerkommune im Dachgeschoss gegenüber, die am Anfang
des Winters auf den sogenannten harten Kern von drei Leuten zusammengeschrumpft
war: Der Ich-Erzähler, der spiritus rector genannte Gründer
der Kommune und dessen Freundin. Die erhoffte Anerkennung durch den
Kulturbetrieb bleibt aus. Wenn kleinere Texte in die Welt außerhalb der
Junghanßstraße 4 dringen und veröffentlicht werden, ist die Kritik vernichtend
– eine Ächtung, aus der die Gemeinschaft ihre Schaffenskraft zieht:
Doch war die Kritik dieser Werke schlecht gewesen, worauf wir uns in unserer
Gesamtheit von der Gesellschaft geächtet fühlten, was uns zur Ehre gereichte.
Und wir wollten nicht aufhören, diese Ächtung wortreich zu untermalen. Das
Geld ist knapp. Dennoch: Der harte Kern freilich war entschlossen zu bleiben,
sollte es auch notwendig werden, dem Tod ins Auge zu blicken, ironisiert
der Ich-Erzähler aus der zeitlichen Distanz heraus den jugendlichen
Idealismus.“

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1 Kommentar so far
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hilbig wohnte 1984 nicht nur vermutlich in der spittastraße 19, sondern tatsächlich, und war dort auch in den folgenden jahren gelegentlich anzutreffen, über tage oder wochen, bei seiner damaligen freundin, der übersetzerin silvia morawietz. Habe die beiden zwischen 84 und 87 einige male besucht …
viele grüße
jayne-ann igel

Kommentar von jayne-ann igel




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