Punk in Lindenau
September 19, 2009, 10:00 pm
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Hier ein kleiner Rückblick auf die Anfänge des Punk im ehemaligen Bezirk W 33, den ich im Chromdioxid Blog (erloschen, aber nun im tapeattack blog) fand:

„Im Jahr 82 geschah hier [W33] das, was derzeit an vielen Orten passierte. Die Neue Deutsche Welle schäumte über, verrauschte Kassetten machten die Runde, Silly war ein Geheimtipp und die Einstürzenden Neubauten nachten bildhaft klar, was genialer Dilettantismus mit Rock’n Roll zu tun hatte. Bands entstanden, Namen waren Programm: Notausgang, Einseitig, Namenlos… die Sound lagen auf den Straßen, alles war erlaubt. Vieles zerfiel bald wieder, vier Freunde machten weiter: 0815 – wie der Name, so die Musik. Punk kannte man kaum vom Hörensagen, er entstand eher beiläufig. Es ging einfach so los und machte Spaß. Zum Schulabschlußfest kniff man noch. Silvester 1983 war es soweit, ein Konzert für die besten Freunde. Das nächste Jahr verging euphorisch, es gab ein zweites Konzert, doch es schmorte schon zu lange im eigenen Saft. Die Rosinen im Kopf wuchsen, ein neuer Name mußte her, neue Instrumente – und dann war es auch schon wieder vorbei.

Seite 1 enthält vier Aufnahmen von 0815 aus dem Jahr 1983, der erste Titel ist der allererste 0815-Song überhaupt und in der Rohfassung und einer überarbeiteten Version enthalten. Es folgen zwei Aufnahmen der Gruppe Namenlos, eingespielt mit echten Punk- (= Schrott) Instrumenten, also Pappkartons und Eigenbau-E-Zithern! Das dritte Projekt Die Nerven ist das Ergebnis einer launigen Sommerabendsession des Jahres 1990 und gehört deshalb dazu, weil hier ein ehemaliges 0815-Mitglied mitwirkte. Seite 2 enthält dann einen kompletten Mitschnitt des zweiten und zugleich letzten 0815-Konzertes von 1984.“

Weiteres zu den damaligen Lindenauer Punks findet sich in dem empfehlenswerten „Haare auf Krawall“ (über Jugendsubkulturen in Leipzig 1980-1991):

„Durch meinen Bruder wußte ich schon, was Punk ist. Der schoß schon Anfang der Achtziger mit Punks aus Lindenau rum. Die Musik, die die hörten, fand ich ziemlich schrecklich. Irgendwann war dann mal ein Punkkonzert von dieser Clique und ihrer Band Kollaps an unserer Schule. Der Anfang von deren Konzert war für alle der totale Schock. Es war genau das Jahr, als dieser Song ‚Words dont come easy‘ ein totaler Hit war. Die Band hatte einen Kassettenrecorder dastehen, auf dem ‚Words dont come easy‘ lief. Der Frontmann von denen hatte riesengroße Stiefel an und latschte auf einmal voll gegen den Recorder. Der klatschte gegen die Wand, platzte auf, und dann fingen Kollaps an zu spielen…“ (Seele, Haare auf Krawall, S.228)

„Dann gab es diese Rockpalastfete. Das war im März 1981. Wollte man abends weggehen, sah es ja nicht so gut aus. Zum einen gab es kaum etwas für Jugendliche, zum anderen bist du in die Läden, die es gab, wegen deines Aussehens nicht reingekommen. Ständig war ein großer Teil der Leute ausgeschlossen. Dort, wo es vielleicht Bananen gab oder irgendeine Schallplatte, reichten sie immer bloß für einen Teil in der Schlange…Deswegen haben wir gedacht, wir müssen eine Party machen, wo alle reinkommen können. Das war die Idee der Rockpalastfete.
Keiner von uns hatte so eine grosse Wohnung, aber 1980/81 hatten wir im Fernsehen von besetzten Häusern gehört, von Häuserkampf und so. Auch hier gab es ja ein paar besetzte Häuser, in der Holteistraße zum Beispiel. Wir sind also auf die Idee gekommen, für eine Nacht ein Haus zu besetzen und es herzurichten für eine große Party. Rockpalast, diese Live-Konzertübertragung in der ARD, wurde damals von sehr vielen Jugendlichen geschaut. Es gab immer kleine Rockpalastfeten bei Leuten, die gerade eine freie Wohnung und einen Fernseher hatten.
Wir haben schliesslich ein Haus gefunden in der Rossmarktstraße in Lindenau, genau an der Stelle, wo sich heute das modernste Polizeirevier von Leipzig befindet. Wir sind auf das Haus gekommen, weil ein Freund 100 Meter entfernt wohnte und wir den Strom rüberlegen konnten. Wird haben zwei Etagen völlig leergeräumt, Türen als Treppengeländer angenagelt, damit niemand runterfällt und so, mundpropagandamäßig erzählt, daß da eine Rockpalastfete stattfindet, auf die jeder kommen kann. Es war irgendwie Chaos bis zuletzt, den Strom über Dächer hinweg zu legen, was zu trinken zu holen. Alle hatten Geld zusammengelegt. Wir konnten auch nicht immer so offensichtlich in das Haus rein- und rausrennen, da uns sonst irgendwelche Nachbarn bei der Polizei angezeigt hätten. Schließlich kamen so ungefähr 120-130 Leute. Es ging um 22 Uhr los, und es kamen immer mehr Leute. Wir waren bester Stimmung, so richtig auf Partystimmung, obwohl es kaum was zu trinken gab. Da lag was in der Luft, denn es waren fast nur Langhaarige da, darunter natürlich auch immer neue Gesichter… Ich glaube es war so gegen Mitternacht, als die Polizei mit einem Großaufgebot anrollte. Das ganze Viertel war durch Bullen und Bereitschaftspolizei abgesperrt, doppelt so viele wie wir. Im Haus stand auf jeder Stufe, immer so versetzt, ein Bulle mit Gummiknüppel, draußen lauter Fahrzeuge mit Blaulicht. Oben im Haus hatte es eine Auseinandersetzung gegeben. Der Einsatzleiter hatte die Freundin von einem gestoßen, wei sie sang, und der hat den Typen an den Schultern gepackt und gegen den Ofen geknallt. Dabei hatte er dann die Schulterstücke in der Hand, und die Bullen haben ihn tierisch vermöbelt. Aber, Gott sei Dank, wieder in den Raum zurückgebracht, wo auch die anderen waren und man ihn hinterher nicht identifizieren konnte. Sonst waren die Bullen relativ zurückhaltend, aber es ging eben durch ihre Präsenz und die Gummiknüppel eine große Gewalt von ihnen aus… Man brachte uns in einen Hof in der Beethovenstraße. Es war März, und es gab noch Frost. Wir mußten die ganze Nacht mit Händen hinter dem Kopf an so einer Mauer stehen… Nach einer Weile wurden alle Frauen oder jungen Mädchen raussortiert und in den Keller gebracht. Sie mußten sich dann in Zweiergruppen ausziehen und Kniebeuge oder Liegestütze vor den Bullen machen. Außerdem wurden sie ständig beleidigt. Das hat die Eltern im Nachhinein auch ziemlich empört. Der größte Teil der Leute ging ja noch in die Schule…“ (Sven, Haare auf Krawall, S.43)

Lieder auf der W 33 Kassette: (mehr dazu auch bei lutz schramm im parocktikum)

1. 0815 – Habt ihr (Urfassung) [05:11]

2. 0815 – Siloleben [02:43]

3. 0815 – Zukunft [02:25]

4. 0815 – Habt ihr (2te Fassung) [04:06]
5. Namenlos – Das tiefe Wasser [01:45]
6. Namenlos – Advent [00:34]
7. Die Nerven – Sensation [02:00]

8. Die Nerven – Wir sind die Nerven [01:16]
9. Die Nerven – Loneliness [04:52]
10. Die Nerven – Neonazis [02:04]
11. Die Nerven – Alkohol [02:41]
12. 0815 – Diskomanie [05:57]
13. 0815 – Geld [03:55]
14. 0815 – Nur ein Planet [03:06]
15. 0815 – Die Zeit steht still [02:55]
16. 0815 – Zukunft [04:50]
17. 0815 – Abschied [02:59]
18. 0815 – … Schwein [03:18]
19. 0815 – Geld Reprise (Zugabe) [03:10]

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2 Kommentare so far
Hinterlasse einen Kommentar

fett – gibts irgendwo noch was von dem tape????

Kommentar von volly tanner

http://tapeattack.blogspot.de/2012/10/va-w33.html

Kommentar von Cpt. Bla




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