Wolfgang Hilbig
Juni 2, 2010, 10:00 pm
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Heute ist der dritte Todestag von Wolfgang Hilbig. Ich habe ihn nur zweimal gesehen, das erste mal in einem entlegenen Stadtteil Leipzigs, in dem damals die von mir frequentierte Hochschule für Bibliothekswesen untergebracht war, dort las er im Keller, der sonst für die Essensausgabe reserviert war.

Er machte sofort ziemlichen Eindruck auf mich, obwohl ich damals nichts von ihm kannte und mir sein Name nur aus der heimatlichen Bibliothek bekannt war, in der ich häufig vor dem Regal mit den Autorennamenanfangsbuchstaben H stand und die Bücherrücken musterte. Henscheid, Hildesheimer, Hilbig. Des später sehr von mir geschätzten Edgar Hilsenrath kann sich der nicht unbeträchtliche Teil meines Gedächnisses, der für Autorennamenanfangsbuchstaben reserviert ist, nicht entsinnen.

Damals las dieser grauhaarige Mann in Jeansjacke mit der strähnigen Frisur an einem unscheinbaren Klassenraumtisch, ich glaube es muss um 1996 gewesen sein. Was er las weiss ich nicht mehr, in meiner Erinnerung klingt es wie aus dem Roman „Ich“. Ich kann mich noch daran erinnern, das ich ihm gerne Fragen gestellt hätte, mir jedoch dazu nicht qualifiziert zu sein schien.

Später arbeitete ich mich dann mit Begeisterung durch sein teils dem Leser den geradlinigen Zugang versperrendes Erzählwerk. Immer wieder findet man diesen Zugang jedoch, wenn man sich in diesem L. Hilbigs durch die Schrebergartenkolonien, S-Bahnhöfe und verfallenden Fabrikgemäuer in Plagwitz schleppt. Zwar spielt dieses L. gar keine so grosse Rolle zwischen dem südlichen M. und dem nördlichen B., doch setzen sich diese Texte ja ohnehin nicht durch ihren biografischen Wirklichkeitsbezug so sehr fest, sondern dadurch, das sie in einem universellen fiktiven Raum einer gewissen Sprachmelodie angesiedelt zu sein scheinen, die man von alleine hier oder dort verortet…

Immer wieder muss ich an einen Text Hilbigs denken, in dem der S-Bahnhof Plagwitz in ein frühmorgentliches Licht gerückt wird, auch die Bilder seiner Fabriken und Abraumhalden haben sich tief mit dem mir selbst wiederfahrenen ziellosen Umherirren durch ehemalige Tagebaue und stillgelegten Gartenlauben vermengt. Und gerade lese ich die mir bislang entgangene „Eine Übertragung“ und sofort hält sie mich gefangen.

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Punk in Lindenau
September 19, 2009, 10:00 pm
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Hier ein kleiner Rückblick auf die Anfänge des Punk im ehemaligen Bezirk W 33, den ich im Chromdioxid Blog (erloschen, aber nun im tapeattack blog) fand:

„Im Jahr 82 geschah hier [W33] das, was derzeit an vielen Orten passierte. Die Neue Deutsche Welle schäumte über, verrauschte Kassetten machten die Runde, Silly war ein Geheimtipp und die Einstürzenden Neubauten nachten bildhaft klar, was genialer Dilettantismus mit Rock’n Roll zu tun hatte. Bands entstanden, Namen waren Programm: Notausgang, Einseitig, Namenlos… die Sound lagen auf den Straßen, alles war erlaubt. Vieles zerfiel bald wieder, vier Freunde machten weiter: 0815 – wie der Name, so die Musik. Punk kannte man kaum vom Hörensagen, er entstand eher beiläufig. Es ging einfach so los und machte Spaß. Zum Schulabschlußfest kniff man noch. Silvester 1983 war es soweit, ein Konzert für die besten Freunde. Das nächste Jahr verging euphorisch, es gab ein zweites Konzert, doch es schmorte schon zu lange im eigenen Saft. Die Rosinen im Kopf wuchsen, ein neuer Name mußte her, neue Instrumente – und dann war es auch schon wieder vorbei.

Seite 1 enthält vier Aufnahmen von 0815 aus dem Jahr 1983, der erste Titel ist der allererste 0815-Song überhaupt und in der Rohfassung und einer überarbeiteten Version enthalten. Es folgen zwei Aufnahmen der Gruppe Namenlos, eingespielt mit echten Punk- (= Schrott) Instrumenten, also Pappkartons und Eigenbau-E-Zithern! Das dritte Projekt Die Nerven ist das Ergebnis einer launigen Sommerabendsession des Jahres 1990 und gehört deshalb dazu, weil hier ein ehemaliges 0815-Mitglied mitwirkte. Seite 2 enthält dann einen kompletten Mitschnitt des zweiten und zugleich letzten 0815-Konzertes von 1984.“

Weiteres zu den damaligen Lindenauer Punks findet sich in dem empfehlenswerten „Haare auf Krawall“ (über Jugendsubkulturen in Leipzig 1980-1991):

„Durch meinen Bruder wußte ich schon, was Punk ist. Der schoß schon Anfang der Achtziger mit Punks aus Lindenau rum. Die Musik, die die hörten, fand ich ziemlich schrecklich. Irgendwann war dann mal ein Punkkonzert von dieser Clique und ihrer Band Kollaps an unserer Schule. Der Anfang von deren Konzert war für alle der totale Schock. Es war genau das Jahr, als dieser Song ‚Words dont come easy‘ ein totaler Hit war. Die Band hatte einen Kassettenrecorder dastehen, auf dem ‚Words dont come easy‘ lief. Der Frontmann von denen hatte riesengroße Stiefel an und latschte auf einmal voll gegen den Recorder. Der klatschte gegen die Wand, platzte auf, und dann fingen Kollaps an zu spielen…“ (Seele, Haare auf Krawall, S.228)

„Dann gab es diese Rockpalastfete. Das war im März 1981. Wollte man abends weggehen, sah es ja nicht so gut aus. Zum einen gab es kaum etwas für Jugendliche, zum anderen bist du in die Läden, die es gab, wegen deines Aussehens nicht reingekommen. Ständig war ein großer Teil der Leute ausgeschlossen. Dort, wo es vielleicht Bananen gab oder irgendeine Schallplatte, reichten sie immer bloß für einen Teil in der Schlange…Deswegen haben wir gedacht, wir müssen eine Party machen, wo alle reinkommen können. Das war die Idee der Rockpalastfete.
Keiner von uns hatte so eine grosse Wohnung, aber 1980/81 hatten wir im Fernsehen von besetzten Häusern gehört, von Häuserkampf und so. Auch hier gab es ja ein paar besetzte Häuser, in der Holteistraße zum Beispiel. Wir sind also auf die Idee gekommen, für eine Nacht ein Haus zu besetzen und es herzurichten für eine große Party. Rockpalast, diese Live-Konzertübertragung in der ARD, wurde damals von sehr vielen Jugendlichen geschaut. Es gab immer kleine Rockpalastfeten bei Leuten, die gerade eine freie Wohnung und einen Fernseher hatten.
Wir haben schliesslich ein Haus gefunden in der Rossmarktstraße in Lindenau, genau an der Stelle, wo sich heute das modernste Polizeirevier von Leipzig befindet. Wir sind auf das Haus gekommen, weil ein Freund 100 Meter entfernt wohnte und wir den Strom rüberlegen konnten. Wird haben zwei Etagen völlig leergeräumt, Türen als Treppengeländer angenagelt, damit niemand runterfällt und so, mundpropagandamäßig erzählt, daß da eine Rockpalastfete stattfindet, auf die jeder kommen kann. Es war irgendwie Chaos bis zuletzt, den Strom über Dächer hinweg zu legen, was zu trinken zu holen. Alle hatten Geld zusammengelegt. Wir konnten auch nicht immer so offensichtlich in das Haus rein- und rausrennen, da uns sonst irgendwelche Nachbarn bei der Polizei angezeigt hätten. Schließlich kamen so ungefähr 120-130 Leute. Es ging um 22 Uhr los, und es kamen immer mehr Leute. Wir waren bester Stimmung, so richtig auf Partystimmung, obwohl es kaum was zu trinken gab. Da lag was in der Luft, denn es waren fast nur Langhaarige da, darunter natürlich auch immer neue Gesichter… Ich glaube es war so gegen Mitternacht, als die Polizei mit einem Großaufgebot anrollte. Das ganze Viertel war durch Bullen und Bereitschaftspolizei abgesperrt, doppelt so viele wie wir. Im Haus stand auf jeder Stufe, immer so versetzt, ein Bulle mit Gummiknüppel, draußen lauter Fahrzeuge mit Blaulicht. Oben im Haus hatte es eine Auseinandersetzung gegeben. Der Einsatzleiter hatte die Freundin von einem gestoßen, wei sie sang, und der hat den Typen an den Schultern gepackt und gegen den Ofen geknallt. Dabei hatte er dann die Schulterstücke in der Hand, und die Bullen haben ihn tierisch vermöbelt. Aber, Gott sei Dank, wieder in den Raum zurückgebracht, wo auch die anderen waren und man ihn hinterher nicht identifizieren konnte. Sonst waren die Bullen relativ zurückhaltend, aber es ging eben durch ihre Präsenz und die Gummiknüppel eine große Gewalt von ihnen aus… Man brachte uns in einen Hof in der Beethovenstraße. Es war März, und es gab noch Frost. Wir mußten die ganze Nacht mit Händen hinter dem Kopf an so einer Mauer stehen… Nach einer Weile wurden alle Frauen oder jungen Mädchen raussortiert und in den Keller gebracht. Sie mußten sich dann in Zweiergruppen ausziehen und Kniebeuge oder Liegestütze vor den Bullen machen. Außerdem wurden sie ständig beleidigt. Das hat die Eltern im Nachhinein auch ziemlich empört. Der größte Teil der Leute ging ja noch in die Schule…“ (Sven, Haare auf Krawall, S.43)

Lieder auf der W 33 Kassette: (mehr dazu auch bei lutz schramm im parocktikum)

1. 0815 – Habt ihr (Urfassung) [05:11]

2. 0815 – Siloleben [02:43]

3. 0815 – Zukunft [02:25]

4. 0815 – Habt ihr (2te Fassung) [04:06]
5. Namenlos – Das tiefe Wasser [01:45]
6. Namenlos – Advent [00:34]
7. Die Nerven – Sensation [02:00]

8. Die Nerven – Wir sind die Nerven [01:16]
9. Die Nerven – Loneliness [04:52]
10. Die Nerven – Neonazis [02:04]
11. Die Nerven – Alkohol [02:41]
12. 0815 – Diskomanie [05:57]
13. 0815 – Geld [03:55]
14. 0815 – Nur ein Planet [03:06]
15. 0815 – Die Zeit steht still [02:55]
16. 0815 – Zukunft [04:50]
17. 0815 – Abschied [02:59]
18. 0815 – … Schwein [03:18]
19. 0815 – Geld Reprise (Zugabe) [03:10]



Heinrich Wiegand und Max Schwimmer
Oktober 3, 2008, 11:57 pm
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wiegand an hesse
Wiegands und Schwimmers 1928

Es handelt sich um zwei Lebensläufe, die in armen Verhältnissen in Lindenau ihren Anfang nahmen, beide besuchten gemeinsam das Lehrerseminar in Connewitz um aus der Enge dieser Verhältnisse zu fliehen. Nach dem ersten Weltkrieg wenden sich beide den künstlerisch radikalen Subkulturen Leipzigs zu. Wiegand wird Pianist in den Kabaretts „Der Bauch“ und später „Retorte“, schreibt Glossen für die Satirezeitung „Der Drache“. Schwimmer zeichnet ab 1918 für Pfemferts „Die Aktion“ und gestaltet Bühnendekorationen in der „Retorte“. Später liefert er auch Texte und Zeichnungen für den „Drache“. Schwimmer etabliert sich langsam als Illustrator von Büchern, zumeist für die linken Plagwitzer Verlage „Die Wölfe“ und „Freidenkerverlag“. Wiegand wird Musik- und Literaturkritiker bei der Leipziger Volkszeitung und arbeitet zugleich für das Arbeiter-Bildungsinstitut, als Redakteur der SPD-nahen Zeitschrift „Kulturwille“. Er beginnt einen intensiven Briefwechsel mit Hermann Hesse und engagiert sich gegen die langsam an Einfluss gewinnenden Nationalsozialisten und Militärs. 1933 muss Wiegand aus Deutschland fliehen und stirbt 1934 im Exil in Italien. Schwimmer verliert seine Anstellung als Lehrer in der Kunstgewerbeschule und kann lange nicht mehr ausstellen, er schreibt an seinen Freund Hans Georg Richter: „Der Glückstraum ist endgültig ausgeträumt, warten wir also auf das Wunder, Kniebeuge vor Gott. Flucht aus der Zeit? Jawohl!“. Später gelingt ihm diese Flucht aus der Zeit, er kann wieder als Illustrator arbeiten und auch in geringem Umfang wieder Bilder ausstellen. Nach dem Krieg leitet Schwimmer die Leipziger Kunstgewerbeschule und arbeitet an der staatlichen Akademie für graphische Künste. Er etabliert sich als Illustrator, muss aber nach einem künstlerischen Richtungsstreit Leipzig verlassen und an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden weiter unterrichten. 1956 wird er Sekretär an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin. Schwimmer stirbt am 12.3.1960 in Leipzig und ist auf dem Friedhof in Leipzig-Lindenau beigesetzt. Zum Tode von Heinrich Wiegand konnte Thomas Mann 1934 nur bemerken: „Daß der Arzt nicht einmal den Namen seiner Todeskrankheit zu nennen weiß, ist charakteristisch genug. Wir kennen diesen Namen wohl. Er lautet ‚Deutschland‘; und wenn irgend etwas unseren Abscheu erhöhen könnte über den , der auch Ihren Mann aus der Heimat vertrieb, auch seinen Lebensinhalt und ihn selbst zerstörte, so ist es das Ende dieses guten Menschen.“ Heinrich Wiegand ist in Lerici in Italien beerdigt.

siehe auch: Biografie von Heinrich Wiegand



Version 0.1 der LindenauBibliografie als PDF
Juni 27, 2008, 9:32 pm
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Ich habe mich entschlossen, eine erste (fehlerhafte und unvollständige) Version der geplanten Bibliografie hier als PDF zugänglich zu machen. Wie gesagt, nur zu Informationszwecken!

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