Heinrich Wiegand (geb. 16.2.1895 in Leipzig-Lindenau, gest. 28.1.1934 in Lerici, Italien)

Der in Lindenau geborene Heinrich Wiegand besuchte bis 1914 gemeinsam mit dem gleichaltrigen Max Schwimmer das Lehrerseminar in Leipzig-Connewitz, sein Vater hatte bereits früh die Familie verlassen. Zunächst arbeitete er nun in Zwickau als Hilfslehrer, ehe er 1915 zum Kriegsdienst eingezogen wurde. In Frankreich geriet er 1917 in englische Gefangenschaft, 1919 kann er nach Leipzig zurückkehren und arbeitete dort ab 1920 wieder als Volksschullehrer. Als Gasthörer an der Universität Leipzig besucht er nun unter anderem die Vorlesungen Georg Witkowskis zur Geschichte der deutschen Literatur. Nebenher arbeitet er als Pianist in Leipziger Kabaretts, so in dem von dem Schriftsteller Eugen Ortner gegründeten „Der Bauch“, später in der „Retorte“ des bekannten Satirikers Hans Reimann. Er hat vor, ein reguläres Studium an der Universität Leipzig aufzunehmen, die finanziellen Voraussetzungen scheitern aber zur Zeit der Inflation. Er schliesst Bekanntschaft mit vielen aufstrebenden Schriftstellern, die damals in Leipzig im Umfeld dieser Bühnen, sowie einschlägiger Zeitschriften wie „Der Drache“ oder Kulturwille sich bewegten, darunter so bekannte Namen wie Walter Mehring, Joachim Ringelnatz, Max Hermann-Neisse, Erich Weinert oder sein Freund Max Schwimmer. Insbesondere die „Retorte“ war damals ein Sammelbecken für radikalen Antimilitarismus und die künstlerische Avantgarde. Bald ging das Kabarett jedoch am wenig finanzstarken Arbeiterpublikum zugrunde, verwässerte sein Programm um doch noch an Geld zu gelangen und zerfiel schliesslich ganz. An der ebenfalls von Hans Reimann gegründeten Leipziger Satirezeitschrift „Der Drache“ arbeitete er nun mit und lieferte regelmässige Glossen, die sich insbesondere über das Leipziger Kulturleben lustig machten, sowie Konzert- und Theaterkritiken. Ab 1924 wird er fester Mitarbeiter der Leipziger Volkszeitung, schreibt Musik- und Literaturkritiken. Er beginnt sich nun einen Namen zu machen als Kulturjournalist und liefert Beiträge für so bekannte Blätter wie die Weltbühne oder das Berliner Tageblatt, die ‚Literarische Welt‘ und Andere. Wiegand wird Mitglied bei der SPD und arbeitet am Leipziger Abeiter-Bildungsinstitut mit. 1928 hört er auf, als Volksschullehrer zu arbeiten und wird freiberuflicher Kulturjounalist. Ab 1924 beginnt eine lebenslange Freundschaft mit Hermann Hesse, die sich durch eine eingehende Beschäftigung mit dem Werk Hesses ergibt. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Wiegand und Hermann Hesse liefert einen guten Einblick in die Abgründe einer Zeit, die nicht gut enden wird und in den Alltag und das Werk politisch und künstlerisch so zerissener Existenzen. Wiegand besucht Hesse nun öfters und wird Teil eines Freundeskreises mit dem Zentrum in Hesses damaligen Aufenthaltsorten Zürich und Montagnola in der Schweiz. 1929 widmet ihm Hesse das Gedicht „Nachtgefühl“im Gedichtband „Trost der Nacht“. Als Kritiker tritt er in einen brieflichen Dialog mit Hesse, der viele von Hesses Werken in ihrer Entstehung bis zur Veröffentlichung begleitet. Ab 1932 wird er Redakteur der Leipziger Kulturzeitschrift „Kulturwille“ des Leipziger Arbeiter-Bildungsinstituts und engagiert sich gegen den Einfluss der Nationalsozialisten und den wieder modern werdenden Militarismus. Dabei erwies sich Wiegand als kritischer Geist, der auch linken Kitsch in den eigenen Reihen des Arbeiter-Bildungsinstituts attackierte. Er verortete sich irgendwo zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, ohne jedoch dort eine wirkliche Heimat finden zu können, dazu war er von zu zweiflerischer und kritischer Natur. In diesen Zeiten schien es einfacher zu sein, zu formulieren wogegen man war, als sich klar auf eine Seite der von Machtspielen zerfressenen Parteien zu stellen. Im März 1933 muss Wiegand aus Leipzig fliehen und quartiert sich zunächst bei Hesse in der Schweiz ein. Die Verzweiflung des Exils frisst seitdem an Wiegands Persönlichkeit, er versucht sich nun in eigene schriftstellerische Arbeiten zu vertiefen, er vollendet dort ein Manuskript mit Erzählungen und beginnt die Arbeit an einem Roman „Väter ohne Söhne“, die jedoch beide hinter seinen kritischen Arbeiten zurückbleiben und damals keinen Verlag mehr finden. Sein plötzlicher Tod an Herzversagen im Januar 1934 wird von vielen als tragische Folge der Verzweiflung in einer Emigration gesehen, die damals so viele betroffen hat. Zu seinem Tode schrieb Thomas Mann:“ Daß der Arzt nicht einmal den Namen seiner Todeskrankheit zu nennen weiß, ist charakteristisch genug. Wir kennen diesen Namen wohl. Er lautet ‚Deutschland‘.“

Advertisements

1 Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar

[…] Nach dem ersten Weltkrieg wenden sich beide den künstlerisch radikalen Subkulturen Leipzigs zu. Wiegand wird Pianist in den Kabaretts “Der Bauch” und später “Retorte”, schreibt […]

Pingback von Heinrich Wiegand und Max Schwimmer « Lindenaubibliografie




Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: