Karoline Scherf (geb. 1899 in Berlin, gest. 2.7.1991 in Leipzig)

Ihre Jugend verbrachte sie in Berlin. Dort sah sie die Berühmtheiten der zwanziger Jahre, Trude Hesterberg, Karl Liebknecht: „Ich bin bei den Demonstrationen mitgerannt und war dabei, als Liebknecht 1918 seine Rede vom Balkon des Schlosses hielt.“ . Später heiratete sie den Lehrer Paul Scherf und zog nach Leipzig. Dort lebten sie in Lindenau, zuerst in der Schadowstr.3, später in der Lützner Str.7 (*Jüdisches Adressbuch 1933, S.55). Ihr Mann war nicht von jüdischer Herkunft und nach 1933 wurde er unter Druck gesetzt, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, doch er hielt zu ihr. Er durfte schliesslich nicht mehr als Lehrer arbeiten, weil er seine Frau beschützte musste er 1944 in Konzentrationslager Osterode. Ihre Eltern lebten bis 1939 noch in Berlin, Karoline Scherf erinnerte sich: „Wenn ich mit meiner Mutter in Berlin spazieren ging, durften wir uns nicht mehr auf eine Bank setzen. Dabei war meine Mutter gehbehindert…“. 1939 konnten sie mit einem der letzten Schiffe in die USA emigrieren. Über ihre Nachbarn in Lindenau sagte sie: „Die Mitbewohner waren anständig… Wir waren ja auch anständig!“. Dennoch war man im Wohnumfeld auch Anfeindungen ausgesetzt, einmal sagte eine Frau aus der Nachbarschaft in einem Geschäft zu ihr „Na, die Judensau, kann auch zu einer anderen Zeit einkaufen gehen!“. Den „Judenstern“ musste sie wegen ihres nichtjüdischen Mannes nicht tragen, sie durfte jedoch ab 1938 nicht mehr ins Theater gehen und musste in der Drogerie Theuerkauf & Scheibner in der Mariannenstraße arbeiten: „Da arbeiteten etwa zehn bis zwölf Leute, die einen ‚arischen‘ Lebenspartner hatten. Die Angestellten waren sehr nett. Ich hing meinen Mantel bei den jüdischen Arbeitskräften hin. Da sagte mir eine Kollegin: ‚Wenn du hier arbeitest, hängst du auch deinen Mantel hier her!'“. Ab 1943 wurden die Lebensbedingungen auch für die Juden, die in „privilegierten Mischehen“ lebten schlechter. Ihr Mann wandte sich an einen evangelischen Pfarrer, was zu nichts führte und landete schliesslich bei Theodor Gunkel, dem Pfarrer der katholischen Liebfrauenkirche. Gunkel war auch 1938 kurze Zeit in Buchenwald verhaftet gewesen und half später vielen Menschen in Not. Am 13. Februar 1945 sollte Karoline Scherf dann in das Konzentrationslager Theresienstadt abtransport werden, doch sie konnte durch Vermittlung Gunkels bei den Gemeindeschwestern Spitzer am Plagwitzer Bahnhof (Friedrich-August-Str.29) untertauchen. Sie erinnerte sich: „Sie waren sehr fromm und beteten oft. Pfarrer Gunkel und ihnen verdanke ich mein Leben. Ich war voll und ganz auf diese lieben Menschen angewiesen, denn ich hatte ja auch keine Lebensmittelkarten! Pfarrer Gunkel sagte eines Tages: ‚ Ich will mal Ihrem Mann schreiben, damit er weiß, daß sie gut aufgehoben sind.‘ Ich sagte: ‚Herr Pfarrer, lassen Sie das, es wird doch alles kontrolliert!‘ Er hat es aber trotzdem irgendwie geschafft, meinem Mann Bescheid zu geben! Das war ein einmaliger Mensch. Und auch die Schwestern riskierten ihr Leben! Bei Bombenangriffen blieb ich oben in der Wohnung. Sie meinten zwar, ich solle mit in den Keller kommen, aber ich wollte sie nicht gefährden. So war ich ganz allein im Haus, wenn draußen die Bomben fielen. Diese Geräusche habe ich noch genau im Ohr. Dieses Pfeifen und die Explosionen. Ich konnte nur hoffen, daß der Spuk bald zu Ende geht. Ja, und dann hängten wir die weiße Fahne zum Fenster raus. Das werde ich nie vergessen!“ Auch ihr Mann hat die Zeit im Konzentratioslager Osterode überlebt. In einem Altenheim in der Bornaischen Straße in Leipzig-Connewitz verbrachte sie ihre letzten Jahre, dort lernte sie noch Bernd-Lutz Lange kennen und starb dort schliesslich am 2. Juli 1991.

*Der Grossteil des Textes stützt sich auf Bernd-Lutz Lange: Davidstern und Weihnachtsbaum: Erinnerungen von Überlebenden.- S.88-92

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