Lindenau / Von Max Schwimmer (In: Der Drache, 2. Jg. (1921), Heft 41, S.16-19)
Juni 25, 2008, 11:23 am
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[es folgt ein kurzer Text von Max Schwimmer, der derzeit meines Wissens nur in der Originalausgabe der Leipziger Zeitschrift Der Drache aus dem Jahr 1921 gedruckt vorliegt. Da die Zeitschrift nicht kopiert werden darf, habe ich ihn eigenhändig abgeschrieben. Schwimmer ist in Lindenau geboren, seine Eltern lebten dort. Mehr zu Max Schwimmer auf dieser Seite folgt (hoffentlich) bald, bis dahin: Kurze Biografie Max Schwimmers beim Lehmstedt-Verlag] Hier nochmal der Text in originaler Schriftart (in Fraktur)

Von Max Schwimmer

Lindenau – das muß ein Irrtum sein. Schlot an Schlot, er=

bärmlichster Vorort, aller Lieblichkeiten bar. Entsetzlicher

Gestank.

Die Armeleutegärten trauern und verkümmern unter den

Umarmungen chemischer Fabriken. Die jämmerlichen Höfe

der Häuserblocks, Aufenthalt der allzuvielen Kinder, sind

erfüllt von unerträglichen Gerüchen, die Färbereien und

Kürschnereien unbarmherzig ausatmen.

Kinder mit unwirklichen Augen, verbogenen Gliedern und

unförmigen Köpfen. Der Hunger guckt durch die schäbigen

Kleider. Husten schüttert die eingefallne Brust. Manchem

Kinde merkt man an, daß selbst das Tragen des Schulranzens

eine Zumutung ist. Abfallwässer und dürftige

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Anlagen um Bedürfnisanstalten herum sind köstliche Asyle für

Spiel und Lust, bis ein Schutzmann den Zauber zerknüllt.

Zwischen Häuserblocks eingeklemmte Karuselle sind überirdisches

Ausmaß des Sonntags.

Frauen, vom Gebären verbraucht, doch schon wieder schwanger,

ziehen mit ihren Kindern ins Freie, Kamillen pflücken, auf

wirkliche Wiesen. O Ihr Wiesen der Vorstadt! Flächen mit Müll

und Unrat überladen, arg versandet, und dazwischen hartes

Gras, Kamillen und winziger Klee. Hier lungern die Arbeitslosen

Lindenaus. Billige Zigaretten und kleine Mädchen, krüll frisiert,

sind ihre Seligkeiten. Sorglos wälzen sich Liebes=

tolle hinter irgendeinem mageren Gestrüpp. Passanten nehmen

kaum Anteil.

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Fabrikschluß. Wie aus unheimlichen Schläuchen strömen Menschen

aus dunklen Fabriktoren. Zermergelte Arbeiter, verhärmte Frauen und

Mädchen, zerknüllte Leiber und verätzte Hände. Die langweiligen Fabrik=

straßen prägen sich für kurze Zeit zu großen Armeestraßen, mit jenem

unentwirrbaren Durcheinander, um. Die Menschen scheinen wahllos

durcheinander zu schreiten und zu fallen, und doch kristallisiert sich

nach und nach die Klarheit dieser Situation aus dem scheinbaren Chaos.

Einmal unwirkliches Erlebnis in der Angerstraße. Von Feierabend kommen

die Arbeiterinnen aus dem Tore einer chemischen Fabrik. Die Gesichter

und Hände noch angegriffen von der Arbeit vorher. Und doch gehen diese

einfachen Mädchen wie Heilige, jede eine Lilie in den Händen, unirdisches

Geleucht in den Augen.

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Die Revolutionstage geben dir ein Gesicht, Lindenau, verachtetster aller

Vororte. Dann ist ein Drohen und Unheimlichsein in deinen trostlosen

Straßen. Der Trott deiner Proleten rhythmisiert sich heroisiert; liebäugeln

mit Gewehren und Handgranate. Straßen werden aufgerissen, Straßenbahnen

umgeworfen, Planken und Gatter sind nützlich zur Barrikade. In den grauen

Tag weht eine schmutzig=rote Fahne.

Mondnächte in Lindenau, süßer Kitsch. Alle Haustüren sind gefüllt. Hinschlendern

der Verliebten an Planken und Gattern, dort wo sich die Mietskasernen in trostlose

Felder verlaufen, und am Kanal lümmeln sich Männerbündler.

Aus der Kammer der einsamen Alma Müller fällt ein Lied auf die mondselige Straße:

Und mein Liebster, der geht stempeln,

Weil er keine Arbeit hat.

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